Das theater zum westlichen stadthirschen wurde 1982 von Absolventen des Studiengangs Schauspiel der Hochschule der Künste Berlin gegründet und hat in Berlin - zunächst im eigenen Domizil in der Kreuzbergstraße, seit dem Jahr 2000 an unterschiedlichen Spielorten - und auf Gastspielreisen bislang über 60 Produktionen gezeigt. Es wurde bis 2008 kontinuierlich von der Berliner Senatskulturverwaltung subventioniert.

Neben der Entwicklung von Eigenproduktionen zu frei gewählten Themenkomplexen (Kindheit, Reisen, Tod, Jazz, Zeit) galt die Aufmerksamkeit zunächst der Präsentation von selten gespielten, neu zu entdeckenden oder zu Unrecht vergessenen Theater-Autoren (Achternbusch, Stein, Handke, Zschokke, Jelinek, Carrington, Durringer, Crimp u.a.). Parallel dazu gab es immer wieder den Zugriff auf „zeitlose“ Stoffe und Stücke der klassischen Moderne (Artus-Sage, Shakespeare, Gombrowicz, Pirandello, Horvath, Kafka).

Später hat sich das Theater auf die szenische Einrichtung von Prosatexten (Bobrowski, Kristof, Bober, Bove, Wittkop, Poe u.a.) spezialisiert und verfolgt seit einiger Zeit auch unterschiedliche Ansätze dokumentarischen Theaters. So entstand 2002 die Inszenierung „Trompete Galgen Feuerstrahl“ nach den „Gesprächen mit Schizophrenen“ von Leo Navratil, im Jahr 2007 „Weil morgen gestern war“ ein zum großen Teil auf Interviews basierendes freies Projekt zum Thema Älterwerden. Unter dem Arbeitstitel „Aufschlüsse“ ist ein Projekt in Planung, dessen Textmaterial aus umfangreichen Gesprächen mit jugendlichen Strafgefangenen besteht.

Seit 2004 arbeitet der Stadthirsch kontinuierlich mit dem Theater Thikwa zusammen. Dabei wurden unterschiedliche Formen integrativen Theaters entwickelt, bei denen die „behinderten“ Kollegen nicht nur als Darsteller („Maison de Santé“, „Kafka am Sprachrand“) sondern mindestens genauso prägend auch als Autoren („Das Zarte wird ja immer überdroht“, „Die Flieger“) auf eine neue Art und Weise ernst genommen wurden und dadurch den kreativen Prozess oft enorm bereichert haben.

Schauspielerische Erfindungslust, szenische Reduktion und bildnerische Abstraktion kennzeichnen die für den Stadthirschen charakteristischen Inszenierungen, bei deren Erarbeitung auf größtmögliche Transparenz zwischen allen am Entstehungsprozess Beteiligten nach wie vor großer Wert gelegt wird. Über die Jahre waren die künstlerisch Verantwortlichen dabei immer bestrebt, sich inhaltlich nicht in einer bestimmten Richtung festzulegen, sondern sich eine im besten Sinne produktive Unberechenbarkeit zu bewahren.

Wechselnde Spielorte



"Der Stadthirsch ist eines dieser Phänomene, die bei Gastspielen in jeder deutschsprachigen Stadt ausverkaufte Häuser herstellen können. Und es in Berlin mit ihrer Mischung aus traditionellem Handwerk und zeitgenössischen Themen nicht in den Szene-Fokus schaffen. In ihren Gründerjahren 1982/83 wurden sie mit Preisen überhäuft. Haben in Kunstmagazinen wie "du" Seitenstrecken abgeräumt, von denen jeder gerne träumt. Jetzt macht der harte Kern interessantes Theater auf hohem Niveau, das jeden, der da war, tief bewegt. Und nicht ein Bühnenbrett weniger. Fazit: Hingehen!"
Quelle: Qype, Das Beste der Stadt, MrMiddle

 

Erstmalig in der Geschichte der Hochschule der Künste Berlin und bis heute einmalig geblieben taten sich 1981/82 mehrere Absolventen des Fachbereichs Schauspiel der HdK zusammen, um gemeinsam eine freie Theatergruppe zu gründen, (darunter Corinna Kirchhoff und die spätere Dramatikerin Elfriede Müller). In einem Brainstorming entstand die Namenscollage Theater zum westlichen Stadthirschen. Die drei Studierenden Dominik Bender, Elisabeth Zündel und Isabella Mamatis entwickelten in Zusammenarbeit mit ihrem Lehrer Martin Häupl eine Theatercollage zum Thema Kindheit unter dem Titel "Montag Dienstag Donnerstag – falsch“, die gleichzeitig ihre künstlerische Diplomarbeit und das Gründungsstück des Theaters zum westlichen Stadthirschen darstellte. Begleitet wurden sie von zwei experimentierfreudigen Musikern, Peter Salomon (Architekturstudent) und Robert Wilhelm (elektronische Minimalmusik). Professor Martin Häupl orientierte sich Ende der 70er Jahre mit seinem Studienangebot an experimentellen Theaterformen und Performance-Art.
Die Kostüme entwarf Gaby Sailer, damals Studentin und heute Gewandmeisterin der UdK.
Die Produktion bekam als Kollektivleistung eine Auszeichnung im Rahmen des Karl-Hofer-Preises der HdK.
Mit Unterstützung des damaligen Präsidenten der HdK Volker Hassemer, später Kultursenator, und vermittelt von der Hamburger Theateragentin Manuela Buske, konnte sich das junge Theater Anfang der 80er Jahre gleich mehrfach auf Festivals und im deutschsprachigen Ausland einen Namen machen und wurde schnell als professionelle, freie Theatergruppe mit experimentellem Ansatz bekannt. Einige anfänglich interessierte Absolventen gingen ins Engagement und im zweiten Jahr kamen die Schauspieler/innen Adriana Altaras und Johannes Herrschmann (Absolventen der HdK) sowie Dieter Sudars (Theaterwissenschaftler FU) dazu. Die Truppe bestand nun aus fünf Schauspieler/innen und einem Regisseur. Dazu wurden die Bühnenbildnerin Isolde Wittke und der Lichtdesigner Urs Hildbrand 1987 feste Mitglieder.
Dem Zeitgeist entsprechend entwickelten die Künstler intermediäre, collagenhafte Kompositionen mit einer persönlichen, biografisch geprägten Auseinandersetzung zu unterschiedlichen Themen. Szenen und Texte wurden improvisatorisch erspielt und zu Kompositionen zusammengefügt, die keinem narrativen „roten Faden“ folgen, sondern assoziativ und durch eine strenge Ästhetik miteinander verbunden werden.
Dieser nicht primär inhaltlich geprägte Ansatz führte immer wieder zu heftigen Diskussionen, die zunächst kreativ gelöst werden konnten. Parallel dazu suchte sich das Ensemble Theaterstücke, die es zuließen, experimentell bearbeitet zu werden. Der Stückemarkt der Berliner Festspiele beauftragte das Theater zum westlichen Stadthirschen wiederholt, sich mit aktueller Theaterliteratur auseinanderzusetzen.
Die kollektive Arbeitsweise behinderte jedoch zunehmend die Entwicklung und Reifung individueller Kreativität. Aus inhaltlichen und ästhetischen Gründen löste sich die Kerngruppe Anfang der 90er Jahre nach und nach auf, während neue Akteure hinzu kamen und dem Theater in z.T. langjähriger Kontinuität verbunden blieben. Das bis dahin kollektiv geführte Theater wird seit 2002 von Dominik Bender geleitet und wurde 2008 letztmalig von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur gefördert.
(Isabella Mamatis / Dominik Bender)