letzte Produktionen :

DIE FLIEGER
// eine Zuneigung mit Textkörper //

KAFKA AM SPRACHRAND
// Drahtseilakt für 4 hoffnungsvoll überforderte Clowns //

DAS ZARTE WIRD JA IMMER ÜBERDROHT
// Montage aus Gesprächen mit Schauspielern des Thikwa-Ensembles //
im Repertoire

MAISON DE SANTE
// Einladung zur feinen Gesellschaft nach E. A. Poe //

TROMPETE GALGEN FEUERSTRAHL
// nach den "Gesprächen mit Schizophrenen" von Leo Navratil //
Gastspiel im XOX-Theater, Kleve, am 15. und 16. Juni 2016
(Lecture Version)

WEIL MORGEN GESTERN WAR
// Was will jeder werden aber keiner sein? //



KAFKA AM SPRACHRAND
// Drahtseilakt für 4 hoffnungsvoll überforderte Clowns //

Kurzvideo: http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&VideoID=47517658

Koproduktion mit Theater Thikwa

mit: Corinna Heidepriem, Dominik Bender, Wolfgang Fliege und Karol Golebiowski
Regie: Dominik Bender / Anke Mo Schäfer
Bühne / Kostüme: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand

Premiere am 27.11.2008

Kafka im Theater – Zwischenwelten und Klang-Körper

Das „Experiment im Sprachlabyrinth“, in das der ebenso scharfsinnige wie empathiebegabte Regisseur und mitagierende Spiel(ver)führer Dominik Bender die Darsteller von Thikwa und die Zuschauenden verwickelt, darf als Leuchtfeuer in dem seit mehr als 100 Jahren brodelnden Meer der Kafkaexegese gefeiert werden. Denn dieser „Drahtseilakt für vier hoffnungsvoll (!) überforderte Schauspieler“ überschreitet auf vielfältige Weise Sprach- und Wahrnehmungsgrenzen, erschafft Zwischenwelten und –gestalten, die Kafkas oft groteske Prosaminiaturen kongenial und mit bizarrer Komik erhellen.
Diese Co-Produktion zwischen dem THEATER ZUM WESTLICHEN STADTHIRSCHEN und THIKWA ist eine Versuchsanordnung von Grenzgängern jenseits des Literarischen Quartetts und subventionierten Staatstheaters. Ideenreich von Anke Mo Schäfer und Dominik Bender choreographiert, ist sie in ihrer Untertreibung das Jemandwerden von Lauter Niemand: der „behinderten“ Akteure zu Laut- und Sinngebenden in all ihrer Widersprüchlichkeit - der verrätselten, (Tier-)Gestalten von Kafka zu nicht eben glücklichen Mitgeschöpfen. Dies alles als paradoxe, ja bitterböse Botschaften, jedoch in der Schwebe gehalten durch die Fülle nonverbaler Intermezzi und das dem epischen Theater verwandte dramaturgische Vorgehen: Wir erleben die anders begabten Schauspieler beim Probieren und in der Komik des Misslingens. Als Klang- und Resonanz-Körper, die den verstörenden Texten Gestalt und Ton verleihen.
Im Entrée, wenn die Vierergruppe ihr Selbstverständnis formuliert (eine verschworene Gemeinschaft, die einen Fünften nicht duldet) ist das Ausgeschlossensein, der vergebliche Kampf um Zugehörigkeit Thema. Die Akteure beziehen (ihre) Position hinter einer minimalistisch mit einer Stuhlreihe ausgestatteten Bühne. Dabei agieren neben Dominik Bender, dem Impuls- und Textgeber, Karol Golebiowski in seinem eigenen Esperanto, der Assoziationsakrobat Wolfgang Fliege und die energische Corinna Heidepriem, die das Publikum mit dem Ausruf willkommen heißt „Die Tür ist zu!“.
Das so erzeugte Gefühl, in einer Falle zu sitzen, stimmt ein auf andere Empfindungen, die die mit subtiler innerer Logik von Anke Mo Schäfer versammelten Kafkatexte evozieren. Etwa, einem nie erfüllbaren Wunsch nachzujagen, als unkonformer Mensch zu scheitern, einer existentiellen Zurückweisung oder Bedrohung ausgesetzt oder in seiner (künstlerischen) Einzigartigkeit nicht anerkannt zu sein wie in Kleine Fabel, Vor dem Gesetz, Der Geier und Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse.
Tanz, Luftgitarrenspiel und Dumb Shows machen die Darsteller am „Sprachrand“ sicht- und hörbar und erhellen die Botschaften des Autors ebenso wie das fingierte Kafka-Symposium, bei dem Karol Golebiowski in eigenwilliger Lautierung den verschollenen Text „Der Hochsitz“ vorträgt. Die hier agierende Expertenrunde kann Kafkaexegeten wahrlich in Verlegenheit bringen.
Die Mäuse - bei Kafka neben der Dohle, die das tschechische Äquivalent seines Namens ist und manches mit dem hier heftig vorgetragenen Der Geier gemein hat - kommen als Manna vom Bühnenhimmel, werden verzehrt und so erledigt: Josefine, die als Sängerin und Diva letztlich scheitert, kann auch ihr mäusisches Fiepen nicht retten.
Tiere scheinen die besseren Menschen zu sein, wie im Bericht für eine Akademie und in Kreuzung, in dem Kafka eine von seinem Vater geerbte Kreatur, halb Lamm, halb Katze, vorstellt. Wenn sich die Akteure hechelnd, fauchend und fiepend an den vortragenden Bender und aneinander schmiegen, hat diese Kreatur zumindest im lebenden Bild einen Hort gefunden.
Christiane Frettlöh / nachtkritik.de

„Kann man über Kafka-Texte lachen? Und wie! Bei diesem poetisch-absurden Grenzgang des Theaters zum westlichen Stadthirschen echot manchmal sogar Loriot herüber. Ein wunderbares Spiel aus merkwürdigen Konfrontationen und sprachlicher Hochseilartistik.“ (zitty 15/2009)


Überforderte Clowns: Kafka

Ob etwas Absicht ist oder Zufall, bleibt auf dieser Bühne stets unklar. Der laute Ruf „Die Tür ist zu, zu!“ der jungen Frau, die wiederkehrende Geste des älteren Herrn, der mit dem Finger auf dem Mund zur Stille aufruft, der junge Mann, der sich an den Bühnenrand setzt und aufmerksam das Publikum mustert, jeder Moment ist von einer wohltuenden Unklarheit durchzogen, beim Publikum wie bei den Schauspielern.
Das liegt vor allem daran, dass hier zwar mit Profis gearbeitet wird, drei der vier Schauspieler allerdings behindert sind. „Kafka am Sprachrand“, eine von vielen erfolgreichen Kooperationen zwischen dem Theater zum westlichen Stadthirschen und dem Theater Thikwa, lief bereits Ende 2008 und wird gerade im F40 in der Fidicinstraße neu aufgelegt. Eine Stunde lang werden kurze Texte und Textschnipsel von Kafka, unter anderem aus der „Kleinen Fabel“, dem „Steuermann“ oder „Ein altes Blatt“ vorgetragen, hauptsächlich von Schauspieler und Mitregisseur Dominik Bender, untermalt mit Kommentaren, Gesten und Geräuschen der drei Thikwa-Schauspieler.
Da findet auf der Bühne ein Luftgitarrenkonzert statt, es regnen weiße Gummimäuse herab und eine Hochzeit wird geprobt, und so entsteht eine Mischung, die der Absurdität mancher Kafkatexte auf sehr charmante und kreative Weise gerecht wird. Der Untertitel ist nicht umsonst „Drahtseilakt für vier hoffnungsvoll überforderte Clowns“. Dass es immer wieder kleine Schreckmomente mit Fragezeichen gibt, in denen unklar ist, ob das so geplant war oder man eigentlich den Proben zuschaut, tut nicht nur den Stücken gut, sondern vor allem den Zuschauern. Dann ist „Kafka am Sprachrand“ Theater in der besten Form: es überrascht, regt zum Nachdenken an und schärft die Sinne. Und gibt Schauspieler Wolfgang Fliege recht, der, wenn etwas auf der Bühne nicht läuft wie es soll, abwinkt und sagt: „Macht do’ nüscht.“
Lea Hampel, Der Tagesspiegel, 25.7.09

Ein Experiment im Sprachlabyrinth auf einer zunehmend von weißen Mäusen bevölkerten Bühne. Vier ganz und gar unterschiedlich sprachfähige und sprechwillige Schauspieler konfrontieren sich mit bekannten und weniger bekannten Textminiaturen von Franz Kafka und reagieren darauf. Es entwickelt sich ein unberechenbares Spiel aus merkwürdigen Begegnungen an der Grenze, wo aus Laut Klang, aus Klang Sprache und aus Sprache Sinn entstehen.
„Du musst nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze, und fraß sie. Ja gasam Gongrea hala pena adle Kahte pard Maus pa.“
Ein Drahtseilakt für vier hoffnungsvoll überforderte Clowns, die Kafka statt ins Herz auch schon mal in eine Plastiktüte schließen...
„Vor dem Gesetz“, „Bericht für eine Akademie“ und „Der Geier“ sind einige der 14 ausgewählten Erzählungen, die die Textgrundlage bilden für szenische Miniaturen sonderbarer Zustände und grotesker Stimmungen, voll bizarrer Komik und klaren Bildern. Eine Expertenrunde von Kafka-Exegeten diskutiert die letzten beiden Sätze in „Der Steuermann“: „Was ist das für ein Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?“ Karol Golebiowski rezitiert auf unnachahmliche Weise den gerade neu entdeckten Kafka-Text „Der Hochsitz“. In „Eine Kreuzung“ verschmelzen die vier Akteure zu einer seltsamen, nie gesehenen Kreatur. Und in „Josefine, die Sängerin“ begeistert eine zum Gesang unfähige Mäusediva ihre Fangemeinde. Wie die Tiere in Kafkas Erzählungen fungieren die Darsteller in ihrer besonderen Konstellation als Lotsen, Boten und Führer. Sie erlauben unerwartete Einblicke in ihre, unsere und Kafkas Welt.

Fotos: Martin Pfahler

 

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TROMPETE GALGEN FEUERSTRAHL
// nach den „Gesprächen mit Schizophrenen“ von Leo Navratil //

„Also, es gibt ja Götter, das heißt, nicht solche, wie die Griechen es gemeint haben, sondern solche, die die Welt erschaffen haben. Das ist ja nicht ein Gott, die ganze Sternenwelt und alles, das müssen ja Götter sein, viele. Ich hab gelesen - nicht vielleicht, dass ich es noch nicht gewusst hätte, da hab ich schon längst alles gewußt -, aber ich hab gelesen - so ungeschickt ausgedrückt -, ganz winzige Tierchen, unendlich viele, haben die Welt gemacht. Und zwar aus dem Holländischen übersetzt. Aber das ist, erstens einmal ist es irgendwie nicht intelligent ausgedrückt, und zweitens ist es irgendwie unpietätsvoll! Die Götter sind so kleine Tierchen, die sind nicht größer als eine fliegende Ameise. Dieses Geheimnis hat mir meine Mutter anvertraut...“

Das Theater zum westlichen Stadthirschen destilliert aus den berühmten Gesprächen mit den Gugginger Künstlern eine Selbstbefragung, die sich auf die Suche macht nach einem Zustand, in den jeder geraten kann, der die lapidare Frage „Wie geht es Ihnen heute?“ nach bestem Wissen und Gewissen ehrlich zu beantworten versucht. Es geht also nicht um die Rekonstruktion von Krankheitsbildern, sondern um das beinah alltägliche Schwindelgefühl aus Panik, Sehnsucht, Scham und Euphorie, das hier mit verblüffenden bis grotesken Welterklärungsmodellen gleichzeitig beschworen und gebannt wird.

Foto: Martin Pfahler

„Bender benutzt die Sprache wie ein Seziermesser. Sehr konzentriert und sorgfältig schält er Schicht um Schicht aus den Texten heraus, quälende Befindlichkeiten, visionäre Weltvorstellungen, Anwandlungen von heiterer Unbeschwertheit, bis am Ende etwas dasteht, was mit sich ganz allein ist: ein Mensch.“
Regine Bruckmann, zitty
„Es scheint aber auch auf, dass die alternativen Wirklichkeiten nicht nur faszinierend für den Betrachter, sondern ebenso Ausdruck des Leidens für den Betroffenen sind. Die Theatermacher lesen sie bevorzugt als Dokumente des Wissens, Wahrnehmens und Fühlens, die in den allgemeinen Erkenntnishorizont aufgenommen werden sollten.“
Tom Mustroph, die tageszeitung
„Immer wieder kann man an entlegenen Spielorten in Berlin künstlerische Spitzenereignisse erleben. Dominik Bender spricht 70 Minuten lang Texte von Schizophrenen... voller Wahnvorstellungen und Widersinnigkeiten. Winzige Tierchen" sieht einer, die ihm in den Körper kriechen, und es sind die Götter, die die Welt geschaffen haben, meint er. Einer will nicht essen und einer auf einer klitzekleinen Trompete spielen. Einer hört „so ein Geräusch am Fußboden" und das ist vielleicht die Großmutter, die sich verabschiedet. Einer schreit Worte heraus und einer hört Sphärenklänge. Dominik Bender steht vor uns in einem dreiteiligen gepflegten Anzug, wirft sich hin und verkrampft sich, kniet ermattet und verbeugt sich ergeben. Er spricht neun verschiedene Texte, die ineinander übergehen, aber auch deutlich individuelle Persönlichkeiten darstellen. Wer in Berlin außerordentliches Theater sehen will, sieht es eher als im Wagner-Zyklus der Staatsoper in diesem Einpersonenstück des Theaters zum westlichen Stadthirschen mit Texten von Schizophrenen.“
Joachim Kramarz, THEATER RUNDSCHAU

es spielt: Dominik Bender
Regie: Hildegard Schroedter
Raum: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand

Premiere am 10.4.2002

 

Foto: Martin Pfahler

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DAS ZARTE WIRD JA IMMER ÜBERDROHT
eine Textmontage aus Gesprächen mit Schauspielern des Thikwa-Ensembles

Das Zarte

Gestern war ich endlich dort, im »theater zum westlichen stadthirschen«, das im F40, der gemeinsamen Spielstätte des Theaters Thikwa und des English Theatre Berlin, gastiert. Premiere war bereits im Jahre 2004: »Das Zarte wird ja immer überdroht«. Das sind Texte aus Gesprächen mit Schauspielern von Thikwa, eines Behinderten-Ensembles, entstanden sind. Anke Mo Schäfer und Dominik Bender haben sie interviewt, aus den Gesprächen Miniaturen entwickelt. Zwei Protagonisten des »stadthirschen« tragen sie vor, gestalten sie. Die Botschaft: »... das kreative Potential von Menschen ausloten, die sich a priori nicht als Dichter begreifen, aber mit großer Sensibilität und poetischer Assoziationskraft ungewöhnliche und alles andere als behinderte Ansichten von sich selbst und der Welt entwerfen«.
Das Ergebnis ist eindrucksvoll. Die Klugheit, Schönheit und Kraft der Aussagen bewegt. Die Sprachmächtigkeit, Gewißheiten, ja Weisheiten zu formulieren, eine Lebensphilosophie, löst im Zuhörer ein vielfaches Echo aus. Man staunt, schämt sich auch mancher Leichtfertigkeit des eigenen Urteils, wird beschenkt.
Silvina Buchbauer und Dominik Bender nehmen uns mit auf die schrullige und traurige Gedankenreise von Menschen an den Grenzen der Gesellschaft, Außenseitern, Ausgestoßenen auch, die uns ihre Träume, Ängste, Hoffnungen mitteilen. »Tja. Man möchte eigentlich, es ist ja irgendwie kaputt, und man möchte am liebsten, eigentlich sagt man ja, das Leben ist ein Geschenk Gottes, aber wenn das Geschenk kaputt geht, kaputt ist, man kriegt ein kaputtes Geschenk, möchte man es am liebsten zurückgeben, ja. Manchmal hätte ich Lust, es wieder zurückzugeben, ist ja irgendwie in mir etwas kaputt, fehlt was, was ich nicht geben kann, deswegen will man das Geschenk wieder zurückgeben
Wieder einmal bedanke ich mich beim Team des »theaters zum westlichen stadthirschen«, das seit über zwei Jahrzehnten neue und alte Texte erfahrbar für sein Publikum werden läßt. Aber wir waren nur acht Zuschauer. Ich wünschte ihm 800. Besser noch: den ausverkauften Admiralspalast.

Anne Dessau, Ossietzky 18/2006

Ausschnitte auf:
http://myspacetv.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=16907055

 

Das Zarte wird ja immer überdroht

Zwei Stühle auf zwei kleinen Podesten, zwei Schauspieler, die nichts weiter tun, als darauf zu sitzen und zu reden, ein paar einfache Lichtwechsel - manchmal braucht die Interpretation der Welt nicht mehr. Diese Welt ist nah und fern zugleich. Denn eine Gedankenkette kann sozusagen vor der Haustür anfangen, sich ein Mal um den Mond winden, um danach auf den Küchenstuhl zu plumpsen. Ganz selbstverständlich. Gespräche mit den geistig behinderten Kollegen des Thikwa-Theaters während der Proben zu einem gemeinsamen Stück bilden das Textmaterial, das Dominik Bender und Silvina Buchbauer vom Theater zum westlichen Stadthirschen zum Schwingen bringen. Was die zu erzählen haben, über Liebe, den Alltag, das Fernsehen und Gott sprüht vor verblüffenden Wendungen, Witz und Weltenklugheit. Karl Valentin trifft Kafka - aber solche Vergleiche taugen für die eigentümliche Poesie dieser Lebens-Erfahrungen nur bedingt. Und ganz nebenbei wird klar, dass geistige Behinderung mit Dummheit gar nichts und mit anderer Wahrnehmung sehr viel zu tun hat. Bender und Buchbauer schlüpfen in keine Rollen. Sie lassen die Texte atmen. Allein, im Zwiegespräch, ganz behutsam. Mal hört sich das an wie ein etwas verrutschtes Frühstücksgespräch, mal wie eine gedanken- und auch sonst trunkene Sinnsuche in der Kneipe nachts um halb vier... Ein ganz großer, kleiner Zuhörabend.

Gerd Hartmann, zitty 15/2006, ***


Ich sterbe nicht, ich lebe, ich lebe doch für mein Geld  -  Sagen wir mal so, Berlin ach, Berlin ach, ich möchte ganz gerne, ich finde Berlin, Berlin, da verzweifel ich immer  - Ein Geist ist, wenn man ihn nicht sieht  -  Ich wollte immer schon eine andere Mutti haben, aber ich bekomm die nicht  -  Als wir mal zusammen waren, da hab ich meine Frau geküsst, das muss man machen, ist aber schwer  -  Ich weiß nicht, aber jemand hat mit dem Eimer sprechen wollen, und der hat geantwortet  -  Hunde mag ich nicht, nee, Hunde mag ich nicht, nur Frauen  -  Wenns den gibt, aber Gott gibt's ja nicht, der ist ja unsichtbar, das Gesicht möchte ich mal von dem sehen, wie er aussieht, ach der sieht so unsichtbar aus, weiß ja nicht, ob der Ohren hat.

Im Rahmen der Vorproben zur Produktion Maison de Santé“ (nach E. A. Poe), die das Theater zum westlichen Stadthirschen zusammen mit dem Theater Thikwà entwickelt hat, haben wir die Gespräche mit den beteiligten („behinderten“) Schauspielern in ihrem thematischen Spektrum erweitert und dokumentiert. Die zum Teil sehr komplexen und oft höchst anrührenden Antworten auf unterschiedliche Fragestellungen bilden das Textmaterial für einen Diskurs, der verblüffend neue Perspektiven auf individuelle Befindlichkeiten und ihren gesellschaftlichen Kontext öffnet.
Wir setzen damit eine Form „dokumentarischen Theaters“ fort, die – wie schon in unserer Inszenierung „Trompete Galgen Feuerstrahl“ nach den Gesprächen mit Schizophrenen von Leo Navratil – das kreative Potential von Menschen auslotet, die sich (in diesem Fall) nicht a priori als Dichter oder Literaten begreifen, aber mit großer Sensibilität und poetischer Assoziationskraft im besten Sinne ungewöhnliche und alles andere als behinderte Ansichten von sich selbst und der Welt entwerfen.

Foto: Dominik Bender

„Liebe ist was Zärtliches. Liebe ist was Angezogenes, ein Argument, da wo jeder Mann und eine Frau das gleiche Schicksal hat. Das geht wie so ein Spiel, so eine Anziehkeit, dann ist es so, als ob so eine Schwemmung dich erfässt, dann kannst du nichts mehr essen, dann bist du ein Träumer, es kribbelt, es nagt, es ist ein Fluss, und man bekommt so ein innerliches Pochen im Magen, im Herzen und Kreislauf. Das sind so Moleküle im Magen, was beide haben und die irgendwie zusammenpassen und die geben irgendwie einen Sinn. Liebe ist es nicht nur ins Bett zu gehen, sondern Gefühle massig klassisch, und so sich die Gene vom Mann zu einer Frau überentwickeln. Man kann sich ausweiten, mehr ausziehen und sehr gute Dinge miteinander machen. Man probiert das dann solange aus, bis man zusammenpasst. Man geht, man kommt, man geht, man kommt.“

MIT

Silvina Buchbauer und Dominik Bender

BÜHNE

Isolde Wittke

LICHT

Urs Hildbrand

RECHERCHE / REGIE

Dominik Bender / Anke Mo Schäfer

Premiere am 15.10.2004

 

Gefördert von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin
Mit freundlicher Unterstützung von www.theaterportal.de

- Und was passiert in deinem Kopf?
- Alles in Ordnung, alles in Ordnung. Da is so, Berichte aus Garmisch, aus Reit im Winkl, das damals da ist doch die Geschichte draus geworden, Samstag fernsehen, da ist musikalisch alles, Musik kommt vom Fernsehen, jeden Tag, und wenn ich's jetzt ausschalte, dann hörste's auch.
- Wie, wenn du's ausschaltest?
- Na, wenn ich den Fernseher anschalte bei mir zu Hause, dann ist die Musik ganz klar, ah herrlich, sag ich dir, wie Computer, Computer, kennst du doch Computer, dann machen die Bilder, und die Musik kommt vom Band, wunderschöne Musik, du hörst alles, Oktoberfest ist genauso, ich hör jeden Tag Musik, jeden Tag.
- Du guckst auch jeden Tag Fernsehen?
- Ja.
- Hast du gestern was gesehen?
- Nee, nix.
- Gestern nicht Fernsehen geguckt?
- Doch, nachts, Berichte. Aus Japan.
- Ja?
- Und zwar aus Polen.


Foto: Isolde Wittke

Textbuch und Audio-CD sind beim Theater erhältlich.
Preis: jeweils 8,-- Euro (plus 1,45 Euro Versand)
Bestellung über: info@stadthirsch.de

Im Kleisthaus: Das Zarte wird ja immer überdroht

Von kobinet-Redakteurin Anke Glasmacher, Berlin (kobinet)

Zwei Stühle, zwei Schauspieler. Mehr braucht es nicht. Ach ja: Und einen Text. Und der hat es in sich.
Am 11. Juni 2009 inszenierte das Berliner Theater zum westlichen Stadthirschen in einer szenischen Lesung "Das Zarte wird ja immer überdroht" im Kleisthaus.
Das Stück entstand aus Gesprächen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des Theaters Thikwa anlässlich einer gemeinsamen Theaterproduktion. Premiere war bereits im Oktober 2004. Doch seitdem, so Dominik Bender im anschließenden Publikumsgespräch, hat es sich immer weiter entwickelt. Dieser Text hat eine Eigendynamik.
Die Schauspieler vom Theater zum westlichen Stadthirschen haben ihren Kollegen von Thikwa Alltagsfragen gestellt, aber keine alltäglichen Antworten erhalten. Die Gespräche drehen sich um Liebe ("Ich habe eine Frau kennengelernt. Die hat was. Am Herzen."), das Leben ("Man sagt ja, das Leben ist ein Geschenk Gottes, aber wenn das Geschenk kaputt geht, kaputt ist, man kriegt ein kaputtes Geschenk, möchte man es am liebsten zurückgeben."), um Gott ("Ach, Gott möchte ich mal gerne sehen. Aber der sieht so unsichtbar aus.") und Berlin ("Berliner sind so zugeschlossen. (...) Die werden immer unfreundlicher, weil die so arbeitslos sind."), um Träume und Ängste.
Weise und lebensklug erscheint das eine, augenzwinkernd und humorvoll, bisweilen aber auch tieftraurig so manches andere. Das ist unsere Interpretation. Für uns werden Worte aus dem Kontext gerissen. Jeder Satz kann zu einem ungeplanten Angriff auf unsere Sicht der Dinge, unsere Wirklichkeit werden, auf deren alltägliche Sprachcodes wir uns verständigt haben. Und es bleibt die ehrliche Unverblümtheit, unsere festgefahrenen Blickwinkel wie selbstverständlich aus den Fugen zu heben. Das ist das große Verdienst der beiden Schauspieler/innen Silvina Buchbauer und Dominik Bender, sowie der Dramaturgin Anke Mo Schäfer, die die Interviews geführt, die Textpassagen transkribiert und sie mit großer künstlerischer Genauigkeit auf die Bühne gebracht haben.
Dieser Abend bietet einen Sprachgenuss, der an die Poetik eines Ernst Jandl und die Stücke von Samuel Beckett erinnert. "Wie ein Schwarm sind die Autoren hier im Raum verteilt", sagt ein Zuschauer so poetisch wie treffend zum Schluss. Man darf wohl mit Fug und Recht behaupten: Dieses Stück ist ein echtes Kleinod.

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WEIL MORGEN GESTERN WAR

// Was will jeder werden, aber keiner sein? //

mit: Maria Gräfe, Hannelore Wüst und Dominik Bender
Recherche / Regie: Dominik Bender / Anke Mo Schäfer
Bühne / Kostüme: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand

Premiere am 2.12.2007

Kurzvideo: http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&VideoID=35971529


Nach dem Leichenschmaus: im Gemeinschaftsraum sitzen der von hochgradiger Alterungsangst gepeinigte Fliesenleger Nathanael Stöcklein und seine im herkömmlichen Sinne völlig alterslose Jugendfreundin Viktoria Rebsamen. Die Erinnerungswilligkeit schwankt, das Verfallstempo ist verwirrend unregelmäßig, die Vergreisungsresistenz unberechenbar, die real gestohlene Lebenszeit beträgt etwa 75 Minuten und das Lebensziel ist vermutlich ein Friedhof in Berlin-Friedrichshain. Die Stimmen: Claudia Wolff, Eva-Maria Täubert (Theater der Erfahrungen), Gertraud Kretzer (Dritter Frühling), Jean Améry, Peter Pankow (Theater Thikwa), Susanne Howitz, Vincent Martinez (Theater Thikwa), Friederike Mayröcker u.a. Und schemenhaft ein dritter Gast.

INTERNET-Kommentar auf www.twotickets.de / Aki05 schrieb am 26.09.2008
"Weil morgen gestern war"
Ein sehr beeindruckendes Gastspiel des "Theaters zum Westlichen Stadthirschen" zum Thema Altern und Tod mit drei hervorragenden Schauspielern: In assoziativ aneinander gereihten Szenen und Gedanken erlebt man sehr intensiv unterschiedliche Erfahrensbereiche dieser Thematik - gar nicht so bedrückend, wie ich es etwas befürchtet hatte, sondern z.T. auch liebenswert-komisch, auf alle Fälle sehr berührend und absolut empfehlenswert! Vielen Dank für diesen schönen Abend!

Alt sein ist die Zukunft. Die Angst vorm Älterwerden wächst wie die Zahl der Alten. Wir werfen ein inneren, persönlichen Blick auf ein allgegenwärtiges und sich doch ständig entziehendes Thema. Ausgangspunkt der Recherche sind ganz einfache, zum Teil intime Fragen: Wie fühlt sich älter werden an? Welche konkreten Erfahrungen verbinden sich damit, welche Ängste, Hoffnungen? Eine theatrale Bestandsaufnahme fügt sich zusammen aus erzählten Erinnerungen, Gedankenspielen und Momentaufnahmen.

Auf der Bühne: Dominik Bender (50), Maria Gräfe (58) und Hannelore Wüst (80). Der Text besteht aus Interviewausschnitten mit Berliner älteren Damen zwischen 68 und 78 und sehr viel jüngeren Freunden vom Theater Thikwa, die jeweils ihre ganz eigene, teils überraschend komische Sicht auf die Dinge darlegen. Dazu kommen Auszüge aus drei sehr eindrücklichen wie unterschiedlichen Werken: der literarische Ansatz von Friederike Mayröcker, die in „Und ich schüttelte einen Liebling“ ihre letzten Jahre mit Ernst Jandl und die Zeit allein nach seinem Tod beschreibt; der dokumentarische Ansatz von Claudia Wolff, die in „Letzte Szenen mit den Eltern“ mit schonungsloser Klarheit schildert, wie schwer es sein kann, diese Szenen auszuhalten; und der philosophische Ansatz von Jean Améry, der in „Über das Altern. Revolte und Resignation“ mit großer Eloquenz die theoretische Analyse des Phänomens vor allem in seiner Wechselwirkung zwischen Subjekt und Gesellschaft ausbreitet.

"Wie alt sind Sie eigentlich?" - "Hä?"

Gefördert vom Regierenden Bürgermeister - Senatskanzlei Kultur Berlin
Mit freundlicher Unterstützung von www.theaterportal.de

 

Vom Altwerden

Anne Dessau

Altsein ist die Zukunft. Die Angst vorm Älterwerden wächst wie die Zahl der Alten.“ Aus dieser Erwägung haben Anke Mo Schäfer und Dominik Bender vom Berliner theater zum westlichen stadthirschen „eine theatrale Bestandsaufnahme aus erzählten Erinnerungen, Gedankenspielen und Momentaufnahmen“ initiiert. Der Abend heißt „Weil morgen gestern war“. Ort der Aufführung ist die Kapelle auf dem Friedhof in der Boxhagener Straße 99, Stadtteil Friedrichshain.
Wo sonst trauernde Menschen sich still von ihren Verstorbenen verabschieden, sitzen jetzt die Zuschauer reihenweise hochgetürmt und schauen aufs weiträumige, sparsam möblierte Parkett. Drei DarstellerInnen, Maria Gräfe (hervorragend, vielseitig), Hannelore Wüst (sympathisch, kompetent) und Dominik Bender (bewährt, professionell), spielen, sprechen, zitieren aus Interviews mit älteren Menschen und jüngeren Freunden vom Theater Thikwa, der Spielervereinigung behinderter Akteure, die stets für überraschende, witzige und aberwitzige Texte gut sind. Prosa von Jean Améry, Friederike Mayröcker und Claudia Wolff fassen die einzelnen Passagen zusammen, erhellen und vertiefen die Aussagen zu den Themen Alter, Krankheit, Sterben, Tod. Die Monologe, Dialoge, Zitate und Sketches werfen Schlaglichter – auch grelle – auf ein Thema, das alle bewegt, auch wenn es zumeist verdrängt wird.
Das ist gewiss kein lustiger Abend, doch die kluge Mischung der Texturen erlaubt sogar Heiterkeit, provoziert dann und wann ein Schmunzeln. Wie so oft bei den Protagonisten vom „stadthirschen“ ist eine gelungene Melange entstanden. Das gescheite Konzept wurde klug umgesetzt, die theatralische Aufbereitung überzeugt. Das Publikum folgt aufmerksam der Gedankenvielfalt zu einem Stoff, dem niemand entrinnen kann. Nur die da draußen in ihren Särgen, Urnen und Gräbern dicht neben der Kapelle haben es hinter sich.

Ossietzky 1/08

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    Die Flieger 
// eine Zuneigung mit Textkörper // 

"Eine Frau kriegt ein Mädchen. Das dauert. Dauert lange. Da ist ein Ei. Wenn du's rausnimmst, also dann siehst du die ganzen Fäden, also sagen wir mal so 'ne Art Zwirn. Hier aus dem Bauch kommt das Kind raus. Und dann wird operiert, und dann so duff duff duff, mit Watte, mit Watte. Und drei Stunden darf die Frau nicht essen. Und zwei Stunden wird das Kind ihr weggenommen. Hier aus'm Bauch. Das wird aufgemacht und wird verdreht, wird operiert, das macht der Oberarzt mit Gummihandschuhen. Also der macht, also hier ist der Kopf ja, nimm mal an, der Kopf von mir. Dann kommen die Füße raus und dann wird's gewaschen. Beim Jungen ist es verschieden. Und nun muss die Milch raus. Dreimal lutschen, dann hat's durch und dann musst du die Brust verdecken. Der Vater, der geht raus. Wo ist denn der Opa von dem Mädchen, der Opa? Und die Mutter ist die Mutter von dem Kind. Und der Vater auch. Der arbeitet, aber hart! Und das schreit. Das schreit und schreit immer mehr und mehr und mehr. Dann wird’s gewaschen."

Foto: Martin Pfahler

Wolfgang Fliege, eines der eigentümlichsten Ensemble-Mitglieder des Theaters Thikwa, ist als Schauspieler so unberechenbar wie als Persönlichkeit rätselhaft und scheinbar unergründlich. Er ist Dandy, Muffel, Komiker, Dadaist, Musiker und Charmeur gleichermaßen und seine „Behinderung“ ließe sich vielleicht mit der totalen Abwesenheit jeglichen Argwohns beschreiben. Aus seinen fast pausenlosen Selbstgesprächen, die auch geübte Assoziationsakrobaten in Erstaunen versetzen, hat das Theater zum westlichen Stadthirschen einen Text destilliert, der die Grundlage bildet für die Begegnung zweier Schauspieler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wie schon unsere letzten Produktionen ist auch „Die Flieger“ ein Versuch, andersartige, befremdliche, vermeintlich unverständliche Formen von Wahrnehmung für unser eigenes Betrachten der Dinge aufzuschließen.
Im Cockpit sitzen der von hochgradiger Flugangst gepeinigte Kapitän Dominik Bender und sein im herkömmlichen Sinne völlig fluguntauglicher Copilot Wolfgang Fliege. Die Flughöhe schwankt, die Fluggeschwindigkeit ist konstant knapp vor dem Strömungsabriss, die Flugdauer beträgt etwa 70 Minuten, das Flugziel ist vermutlich Berlin Tempelhof.
An Bord: Captain Hook, Peggy March, der Graf von Luxemburg, Hans Messerschmidt, Vati, Mutti, Willy Kupka, Jesus, Bob Dylan, Klara, Herr Lackner und Frau Glockner.

mit: Wolfgang Fliege und Dominik Bender

Recherche/Regie: Dominik Bender / Anke Mo Schäfer
Raum: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand

Premiere am 21.2.2007

Kurzvideo:
www.myvideo.de/watch/2277695

Gefördert von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin
Mit freundlicher Unterstützung von www.theaterportal.de

"Grandioses Aufeinanderzugegangensein und: witzig, herzig, sehr sehr menschlich!!!"
(Andre Sokolowski, Kultura-Extra)

Foto: Isolde Wittke

Wer ist der Clown?
Anne Dessau

Am Abend der Premiere von »Die Flieger« hatte das »theater zum westlichen stadthirschen« Gastrecht im »F 40«. So heißt jetzt die Spielstätte in der Fidicinstraße 40, Berlin-Kreuzberg; die Marke vereint das »English Theatre Berlin« und das »Theater Thikwa« unter einem Dach. Wie bereits in der Aufführung »Das Zarte wird ja immer überdroht« (Ossietzky 18/06) waren auch hier Text und Aufführung eine Koproduktion zwischen »stadthirschen« und »Thikwa«.
Zwei Schauspieler, zwei Welten begegnen uns: Dominik Bender, Gründer (1982) und Protagonist des »stadthirschen«, und Wolfgang Fliege, über den es im Pressetext heißt: » – eines der eigentümlichsten Mitglieder des Theaters Thikwa, als Schauspieler so unberechenbar wie als Persönlichkeit rätselhaft und scheinbar unergründlich. Er ist Dandy, Muffel, Komiker, Dadaist, Musiker und Charmeur gleichermaßen, und seine ›Behinderung‹ ließe sich vielleicht mit der totalen Abwesenheit jeglichen Argwohns beschreiben
Aus den unendlichen Selbstgesprächen Flieges wurde ein Text gefiltert, er ist also nicht nur Akteur, sondern auch Autor des »Textkörpers«. Anke Mo Schäfer führt Regie.
Berührung wird versucht: Auf der Bühne steht eine Kunstfigur, Dominik Bender, Flugkapitän im Stück, und das Naturereignis Wolfgang Fliege, Co-Pilot – denn die notdürftige Rahmenhandlung versetzt den Betrachter in ein Cockpit in zehntausend Metern Flughöhe. Um Flug und Stück auf Kurs zu halten, muß Bender sowohl den Flieger wie Fliege lenken und leiten. Eine Glanzleistung, denn Naturereignisse sind unberechenbar. Die Balance gelingt, obwohl Flieges burlesker Charme und seine überraschenden, verdrehten, skurrilen Einfälle Bender oftmals überrumpeln. In dieser Doppelfunktion – textintensiver Darsteller plus heimlicher Dirigent seines Partners – leistet Bender Hochartistik.
Motto des Abends ist das Sprichwort: »Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind«. An diesem Abend sehen wir sie so und so, ganz nah und aus einem Abstand von zehntausend Höhenmetern. Mindestens. Es wird gelacht, geklatscht, man ist verwirrt, daß Unmögliches möglich ist, Unvereinbares zusammengeht. So verbrüdert der skurrile, poetische, von Bender eindringlich vorgetragene Text sich mit den spontanen Einwürfen, dem Kichern und Gackern, Rülpsen, Tanzen und Hopsen, dem stillen Strahlen des weisen Mannes Fliege. Es ist die Performance eines weißen Clowns mit seinem Partner. Doch wer ist Clown, wer der andere?
Die Antwort begegnet mir nach dem schönen Beifall für die Spieler, draußen auf der Straße. Einen Moment stand ich im Gespräch, da trat das Naturereignis Fliege aus dem Torweg, Kopf gesenkt, Tasche unterm Arm, Einspruch murmelnd, unfroh. »Alles vorbei, sage ich. Er, ohne aufzuschauen: »Alles vorbei, alles vorbei« und stapft im Nieselregen über die Straße, hin zur U-Bahn. Drinnen im Haus wird gefeiert. – Das sind so Momente. Voller Wahrheit. Ungeschönt schön. Tieftraurig. Wie dieser Abend.
Ossietzky 5/2007

Foto: Martin Pfahler

Ausschnitte auf:
http://myspacetv.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=14065355

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MAISON DE SANTÉ
- Einladung zur feinen Gesellschaft -
frei nach Edgar Allan Poe's Erzählung „Die Methode Dr. Thaer & Prof. Fedders
Koproduktion mit dem Theater THIKWA

Wer hat die Macht zu entscheiden, was als normal gilt und was als verrückt? Ob jemand zu den Patienten oder zum Personal in der Psychiatrie gehört, kann ein Zufall seiner Lebensgeschichte sein. Was passiert, wenn die Patienten dem Zufall ein bisschen nachhelfen? Schauspieler mit und ohne Behinderungen konfrontieren sich und das Publikum mit der Neugier und den Ängsten vor dem jeweils Anderen. Ausgangspunkt der Inszenierung ist eine Geschichte von E. A. Poe: Im Jahr 1830 reist ein junger Medizinstudent aus Berlin auf der Suche nach fortschrittlichen Methoden der Behandlung von „Geisteskranken“ nach Südfrankreich, um ein modern geführtes Irrenhaus zu besuchen. Anders als an der Charité, wo die Patienten noch mit alten, brachialen Foltermethoden gequält werden, soll hier in einem abgelegenen Château nach der Revolution die berühmte humane Methode aus England angewandt werden. Der Direktor Dr. Maillard bittet den weitgereisten Gast zu einem noblen Dîner, zu dem die vornehme Gesellschaft eingeladen ist, bevor er ihm am nächsten Tag die Einrichtung zeigen will... Die Inszenierung untersucht existentielle Grundfragen nach Würde und Wert des Menschen und deren Abhängigkeit vom Urteil der Gesellschaft. Sie spielt mit dem voyeuristischen Blick von außen auf ein ungewöhnliches Szenario der Verstellung. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität werden durchlässig, verschiedene Facetten von Irritation sichtbar. Zu erwarten ist eine Theateraufführung, die jeden Abend unvorhersehbar anders verlaufen dürfte.

MIT

Anna-Katharina Andrees, Dominik Bender, Heidi Bruck, Jonny Chambilla, Ronny Dollase, Wolfgang Fliege, Torsten Holzapfel, Almut Lücke-Mündörfer, Vincent Martinez, Peter Pankow, Tim Petersen, Patricia Schulz, Roland Strehlke, Jan Uplegger

REGIE & FASSUNG

Werner Gerber

BÜHNE

Isolde Wittke

KOSTÜME

Ulv Jakobsen

LICHT

Urs Hildbrand

DRAMATURGIE

Anke Mo Schäfer

KONZEPTIONELLE BEGLEITUNG

Gerlinde Altenmüller

PRODUKTIONSLEITUNG

Klaus Altenmüller & Dominik Bender

VORSTELLUNGEN

Premiere am 22.1.2005

Gefördert von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin
Mit freundlicher Unterstützung von www.theaterportal.de

 

Eine Reise ins Glück
Vollkommener Abend: "Maison de Santé"
von Cosima Lutz

Mildes mediterranes Licht scheint auf den Mauern zu tanzen. Ein Berliner Medizinstudent und mit ihm die Zuschauer reisen 1830 nach Südfrankreich, um ein modern geführtes Irrenhaus zu besuchen. "Maison de Santé - Einladung zur feinen Gesellschaft" nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe spiegelt in einer Koproduktion des "Theaters zum westlichen Stadthirschen" und dem "Theater Thikwa" das übliche Hinterfragen der Zuschreibungen von "irr" und "normal" gleich mehrfach: Schauspieler spielen Verrückte, die "Normale" spielen; Behinderte spielen "Normale", die vielleicht doch verrückt sind. Wo andere Theaterarbeiten dieser Art aufhören, fängt es hier erst an: Was hier passiert, ist die totale Kunst.
Bevor der Gast die Einrichtung zu sehen bekommt, wird er vom Direktor (Dominik Bender) zum Diner geladen, einem karnevalesken Mahl mit hoher Balladenkunst und ungehobeltem Bänkelsang: "Hier tanzt das einfache Volk mit der feinen Gesellschaft." Der Gast ist das alter ego des Zuschauers, der es ganz genau wissen will - bis er durchdreht. Immer alles schön rauslassen, beruhigt ihn Prinzessin Annabelle (Heidi Bruck). Der Menschenversteher wird zum medizinischen Fall.
Verwoben mit Texten und Liedern der Spieler, gerät Poes Erzählung in feinere Schwingungen, als soziale Nachdenklichkeit es fassen würde. Von der subtilen Lichtregie über das aufbrandende Stimmenchaos bis hin zu den leisen, vornehmen Dienern (Jonny Chambilla, Ronny Dollase) fällt nichts heraus aus diesem Stück um Freiheit und Kontrolle. Werner Gerbers Regiearbeit und Dominik Benders Rolle als autoritär-respektvoller "primus inter pares" bekennen sich nicht wohlfeil zur Souveränität der Behinderten; sie stehen und fallen mit den Denk-Bewegungen aller ihrer Künstler. Dies ist nicht erstaunlich, sondern zutiefst schön: Nicht nur zur Einsicht, daß die Grenzen zwischen "Wahn" und "Sinn" willkürlich sind, nein: zum "Genießen" will der Direktor seinen Gast bewegen.
Der grübelnde Reisende muß es am Ende allein aushalten mit seinen Albträumen; der gestärkte Zuschauer aber, der sich dem Genuß dieser genialen Arbeit anvertraut, erlebt einen Theaterabend vollkommenen Glücks.

 Berliner Morgenpost, 24.1.05

Foto: David Baltzer

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Pressestimmen:

DAS MÄDCHEN
nach dem Roman "Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte" von Gaétan Soucy

FASSUNG / REGIE: Erick Aufderheyde
BÜHNE / KOSTÜME: Isolde Wittke
MUSIK: Ernst Surberg
DRAMATURGIE: Anke Mo Schäfer
LICHT: Urs Hildbrand
PRODUKTIONSLEITUNG: Dominik Bender
MEDIENARBEIT: Artefakt Kulturkonzepte

MIT: Angela Böhmer, Cathrin Romeis, Dominik Bender, Peter Pankow, Ernst Surberg und Markus Wechsler

Premiere am 16.2.2006

Foto: David Baltzer

Melancholische Sozialstudie

Theater zum westlichen Stadthirschen spielt „Das Mädchen“ im Tacheles

Wie bringt man seinen toten Vater unter die Erde? In einem Leichentuch oder einem Sarg am Rand des Pinienwalds? Es ist gar nicht so einfach, sich plötzlich in einem echten Leben wiederzufinden, das man nur aus Heiligengeschichten kennt. Eingeprügelt vom gestrengen Vater in der Abgeschiedenheit eines Schuppens neben dem heruntergekommenen Gutshaus.
Erst allmählich offenbart die Inszenierung „Das Mädchen“ vom Theater zum westlichen Stadthirschen im Tacheles ihre Geheimnisse und gewährt tiefe Einblicke in den beklemmenden Mikrokosmos einer ganzen Kaspar-Hauser-Familie: Die Kindheit zweier Geschwister in völliger Isolation, aufgewachsen inmitten von Gewalt, Inzest, Hirngespinsten und religiösem Wahn. Dass die Bühnenadaption von Gaétan Soucys Roman „Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“ nicht zur tonnenschweren Sozialstudie gerät, sondern anrührend leicht mit melancholischem Witz daherkommt, ist der Regie und Fassung von Erick Aufderheyde und dem Spiel seines großartigen Darsteller-Ensembles zu verdanken. Sie verwandeln die groteske Familientragödie in eine Sternstunde des Theaters.
Als „Schriftführer des Tages“ schlüpfen Angela Böhmer und Cathrin Romeis in die Rolle des Mädchens, das glaubt, ein zweiter Sohn zu sein. Die eine erzählt, die andere agiert. Dabei vermischen sich Rückblenden mit der Gegenwart: Dominik Bender lässt den grausamen Vater auferstehen. Markus Wechsler mimt den tumben Bruder und Peter Pankow zur allgemeinen Erheiterung das Pferd. Lediglich mit der Musik und den Sounds von Ernst Surberg unterlegt, benötigt das eindringliche Schauspiel keine Requisiten, kein Bühnenbild, um das bizarre, abgründige Universum einer gepeinigten Außenseiterin auf ihrer rätselhaften Identitätssuche greifbar zu machen.

Ulrike Borowczyk, Berliner Morgenpost

In einem Schuppen kauert ein Kind und schreibt in sein Buch: Der Vater ist tot. Seit der Geburt lebt es mit Vater und Bruder in einer provisorischen Baracke in nächster Nähe zum verfallenden Gutshaus der Familie. Dort, am Rand der Welt, nimmt die Kindheit Gestalt an, geprägt von Isolation, Ritualen der Gewalt und exzentrischen Moralvorstellungen, aber auch großer Freiheit der Selbstbestimmung, frei nach dem Motto: Wir sind merkwürdig, wir wissen das - und leben es aus. In der langsam verfaulenden Bibliothek lauert ein Geheimnis. Etwas ist hier passiert, das unmerklich ein Verschwimmen von Realität und Traumwelt hervorbrachte. Nach und nach entblättert sich ein groteskes, surreal anmutendes und mit enormem Lebenswillen vorgetragenes Familienschicksal.
Das Theater zum westlichen Stadthirschen setzt mit dieser Produktion seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Erick Aufderheyde fort. Nach den Dramatisierungen von „Das große Heft“ und „Gestern“ von Agota Kristof sowie „Meine Freunde“ von Emmanuel Bove wird in der Inszenierung eine sehr spezifische Form des kollektiven theatralen Erzählens weiter entwickelt, dieses Mal anhand einer ebenso unheimlichen wie anrührenden Geschwistergeschichte.
Gaétan Soucy wurde 1958 in einem Arbeiterviertel Montréals geboren und verbrachte seine Jugend mit Büchern. Er studierte Physik und Mathematik, später Literatur, um seinen Abschluss mit einer Arbeit über Kants Philosophiekritik zu machen. Später lernte er Japanisch, seit 1986 verbringt er nahezu jeden Sommer in Japan. „Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“ ist sein dritter Roman.

Foto: David Baltzer

Gefördert von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin
und der Botschaft des Königreichs der Niederlande Berlin.
Mit freundlicher Unterstützung von www.theaterportal.de

Anne Dessau 
GRENZGÄNGER

Im „Goldenen Saal“ des TACHELES in Berlin gastierte wieder einmal das „theater zum westlichen stadthirschen“. Der von den Zeitläufen zerfledderte Saal ist ideale Kulisse für die Bühnenfassung der literarischen Vorlage von „DAS MÄDCHEN.“  Unwirtliches Umfeld, verstörender Text, eigenwilliger Aufführungsstil, „kollektives theatrales Erzählen“genannt.
Sechs Darsteller kommen auf die Bühne, stehen, gehen auf und ab. Grenzgänger zwischen Traum und Wirklichkeit,  berichten sie die irritierende, schwer fassbare Geschichte. Vater, Mutter, Schwester tot, durch Erhängen, umgekommen bei einem Brand, ausgelöst durch ein „Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“. So der Titel des Romans von Gaètan Soucy, Montreal, nach dem die Erzählung für die Bühne erarbeitet wurde.
Regisseur Erick Aufderheyde gelingt mit seinen Darstellern ein spannungsreicher Abend, der vermehrte Hirntätigkeit erfordert, die Puzzleteile des Spiels in eine verständliche Ordnung zu bringen. Doch man bleibt verführt, folgt dem Geschehen. Ein Sog entsteht, der auch den eingangs befremdeten Betrachter ins vielschichtige Psychodrama zieht: Rituale der Gewalt, exzentrische  Moralvorstellungen, Ausgeliefertsein und Selbstbestimmung, Tod und trotz alledem Lebenskraft.
Mit der Geschichte von denen am Rande, den „borderlinern“ unserer sogenannten zivilisierten Welt, nimmt sich die Theatertruppe um Dominik Bender (seit 1982 leitender „stadthirsch“ und Schauspieler ) erneut eines Themas an, das sie bereits in anderen Arbeiten vorgestellt und verteidigt hat. Sie bezeugt die Kraft der Schwachen, deren Reichtum an Fantasie, zwingt zu Innehalten, Atempause im Tageskampf ums Monetäre und andere Werte, beweist ihre unentbehrliche Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies.
Das Ensemble arbeitet hochkonzentriert, sehr professionell. Mitwirkende sind: Angela Böhmer, Cathrin Romeis, (die Frauen beeindrucken besonders nachhaltig), Dominik Bender, Peter Pankow, Markus Wechsler, Ernst Surberg
Die Kopfarbeit hält an nach diesem Abend. Ein selten gewordenes Ereignis.

Ossietzky 5/2006

Foto: David Baltzer